An den Wänden des Gangs reihen sich Bilder und Autogramme von Persönlichkeiten wie Mobster Al Capone, Musiker Bob Marley und Missionarin Mutter Teresa. Auch das Tourbuch von der Band Pink Floyd ist ausgestellt. Es sind alles Originale, die Markus Brandes in den letzten 40 Jahren gesammelt hat.
Brandes ist aber kein Fan – oder nicht nur –, das Sammeln von Unterschriften ist sein Beruf. Er ist ein sogenannter Autogrammhändler – oder auch «Handschriften-Nerd», wie er sich selbst beschreibt. Das heisst: Er ist spezialisiert auf die Beschaffung, Authentifizierung, Bewertung und den Verkauf von Unterschriften berühmter Persönlichkeiten.
Unter anderem sucht er gezielt nach begehrten Autogrammen für seine Kund*innen, besucht Nachlässe, vermittelt zwischen Verkäufern und Käufern, ist auf Auktionen präsent und übernimmt zahlreiche weitere Aufgaben im Sammlermarkt.
Mit manchen Kunden arbeitet er bereits seit vielen Jahren zusammen, andere erwerben Stücke direkt über seine Website. Es kommt aber auch vor, dass ihm Stücke direkt Angeboten werden.
Die Leidenschaft hatte er schon seit klein auf. Mit 13 begann er, Unterschriften von Fussballspielern zu sammeln. Er schrieb den Vereinen Briefe. «Vom FC Bayern München kamen dann ein paar Autogrammkarten zurück und ich hatte eine riesige Freude», so Brandes. «Mich hat diese Faszination seither nicht mehr losgelassen.»
Auch in seinem Freundeskreis werden Autogramme gesammelt und untereinander getauscht. Ähnlich wie bei den Panini-Bildern. Irgendwann hat er alle Karten, die ihm seine Freunde anbieten können. Also beginnt er, Briefe ins Ausland zu schreiben, um dort an Unterschriften von Promis zu gelangen.
«Mein ganzes Taschengeld habe ich fürs Porto ausgegeben», so Brandes. Seine doppelten Exemplare verkauft er und so verdient er schliesslich sein erstes Geld. Auch heute – 30 Jahre später – verdient er damit noch sein Geld. Mit 21 Jahren machte er sich als Autogrammhändler selbstständig.

Ursprünglich kommt Brandes aus Deutschland, er lebt aber seit inzwischen 15 Jahren in der Schweiz. Sein Büro befindet sich in Güttingen TG. Eine kleine Gemeinde direkt am Bodensee. Mittlerweile beschäftigt er zwei Mitarbeitende: einen Historiker sowie eine Person, die sich um das Verpacken und den Versand der Bestellungen kümmert.
Laut Brandes lassen sich Sammler grob in drei Typen einteilen: Der erste ist der klassische Fan. Er konzentriert sich auf eine einzelne Person, die ihn geprägt hat. Etwa ein Sportidol, eine historische Figur oder ein Wissenschaftler. Für diese Sammler steht die emotionale Verbindung im Vordergrund, weshalb sie gezielt persönliche Stücke wie Unterschriften oder Erinnerungsobjekte sammeln.

Der zweite Typ interessiert sich weniger für einzelne Personen als für ganze Themenbereiche. Das können Filmgeschichte, Nobelpreisträger oder Handschriften allgemein sein. Diese Sammler bauen systematisch umfangreiche Kollektionen auf.
Der dritte Typ schliesslich betrachtet Autogramme und Manuskripte als Investment: Historische Originale gewinnen durch ihre Einzigartigkeit und steigende Nachfrage langfristig an Wert, besonders bei Jubiläen oder im Zusammenhang mit bedeutenden Ereignissen.
«Ich bin ein bisschen von allen drei», sagt der 49-Jährige lachend.
Brandes liebt die Handschrift. Wenn er darüber und über seinen Beruf spricht, ist er kaum zu bremsen. Er klappt den Ordner auf dem Tisch auf. Darin befinden sich hunderte Unterschriften, Briefe, Bilder, Autogramme mit persönlichen Widmungen von berühmten Menschen wie Rennfahrer, Astronauten wie dem Schweizer Claude Nicollier oder vom ehemaligen Bundesrat Adolf Ogi.
Zu jedem Stück kennt Brandes die Geschichte. Schliesslich schlägt er eine Seite auf, die besonders heraussticht: einen Originalbrief von dem französischen Staatsmann und ehemaligen Kaiser Napoleon, in dem dieser erstmals eine mögliche Kapitulation in Erwägung zieht.
«Durch handgeschriebene Texte und private Korrespondenz lerne ich eine Person auf eine ganz andere Weise kennen als durch ein fertiges Buch oder einen Film», erzählt er. «Man entdeckt dadurch eine persönliche oder sogar ganz unbekannte Seite einer Person, die man faszinierend findet.»
Brandes besitzt nicht nur Briefe von Napoleon, sondern auch von Albert Einstein, Al Capone, von dem Arzt und Philosophen Albert Schweitzer und weiteren historischen Persönlichkeiten. Hinzu kommen unzählige Autogramme von Boxer Muhammad Ali, Sänger Elvis Presley, Musikerin Amy Winehouse und vielen weiteren Ikonen. Die Liste liesse sich nahezu endlos fortsetzen.

Aktuell umfasst sein Angebot rund 8000 Originalanschriften, im Lager befinden sich etwa 20’000 Stück. «Die Anzahl hat aber keine grosse Bedeutung, weil Quantität nicht Qualität ist», sagt Brandes.
Auch zeitgenössische Namen finden sich im Sortiment: Sängerin Taylor Swift, Schauspielerin Emma Watson, Ex-Tennisprofi Boris Becker, der verstorbene One-Direction-Sänger Liam Payne und viele mehr. Die Preise beginnen bei fünf Franken und reichen bis zu mehreren tausend Franken.
Das teuerste Objekt, bei dem er je involviert war: Er vermittelte rund 1200 Briefe aus dem Nachlass von Emmy Martin an das Albert-Schweitzer-Archiv, für 300'000 Franken. Martin war der Sekretär und Vertraute von Schweitzer.
Doch die Frage nach dem teuersten Objekt sei fast unmöglich zu beantworten, denn: «Manche Stücke haben für mich persönlich einen grossen Wert, aber keinen entsprechend hohen Marktpreis», sagt Brandes.
Besonders faszinieren ihn etwa das Gästebuch der Band Pink Floyd, welches bei ihm im Gang hängt. Darin hat die Band während ihrer Tour unter anderem auch die Ausgaben für ihren Drogenkonsum dokumentiert. Oder eine signierte Schallplatte von Bob Marley inklusive Mischschale. Entstanden in einer Phase, in der seine Krebserkrankung in Deutschland nicht mehr behandelbar war. Es zählt zu den letzten Schriftstücken aus dieser Zeit.
«Dahinter steckt eine Geschichte, die mich fasziniert», so Brandes. Für ihn liege der Wert oft im Kontext: «Er entsteht, wenn ich die Person kennengelernt habe, eine Verbindung zur Geschichte besteht oder ein Objekt in irgendeiner Form einzigartig ist und mehr erzählt als nur eine Unterschrift.»
Die Autogramme beschafft er über Versteigerungen, per Post oder über sogenannte Autogrammjäger. Dabei handelt es sich um Personen, die Prominenten gezielt auflauern oder Veranstaltungen besuchen, um Unterschriften zu sammeln und später weiterzuverkaufen.
Dafür greift Brandes auf ein internationales Netzwerk zurück: Vertrauensleute in Städten wie Los Angeles, Paris oder London verfügen über beste Kontakte, Zugang zu Prominentenpartys, bewegen sich am roten Teppich oder sind mit Menschen vernetzt, die Hinweise darauf geben, wo sich die Stars aktuell aufhalten – beispielsweise durch ihren Chauffeur.
Doch nicht jedes Angebot nimmt er an: So erhielt er einst per Mail direkt vom Arzt von Sylvester Stallone drei Videos von der Geburt dessen Kinder. Er lehnte ab. Einerseits aus ethischen Gründen, andererseits, weil er sich bewusst auf Schriftstücke konzentriert.
Brandes reizt das Beständige. Schriften, die auch in mehreren Jahren relevant sind und Geschichte haben. «Wirklich spannend wird es für mich, wenn ich Menschen bedienen kann, die seit Jahren nach etwas suchen und ich ihnen genau das geben kann», sagt Brandes.
«Wenn ein Sammler zehn Jahre lang nach einer bestimmten Handschrift sucht, um sein Mosaik zu vervollständigen, und man dieses Stück findet und vermitteln kann, dann rückt der Preis fast in den Hintergrund. Es ist einfach ein unglaublich emotionales Geschäft», erzählt er weiter.
Dabei entstehe auch eine enge Bindung zu den Kunden, weil man in ihre Leidenschaft eintauche. «Für den einen ist es belanglos, für den anderen kann es die Welt bedeuten.»
Brandes selbst verbringt viel Zeit vor dem Computer und verfolgt weltweit entsprechende Angebote. Er besucht Fachmessen, sichtet Nachlässe und untersucht Unterschriften auf ihre Echtheit. Zudem wird er regelmässig als Experte hinzugezogen, unter anderem in Sendungen wie «Bares für Rares», und ist Mitglied im Bundesverband der Schriftsachverständigen.
Doch dabei bleibt es nicht: Brandes verfasst Bücher und Nachschlagewerke über Handschriften und engagiert sich aktiv im Kampf gegen Unterschriftenfälschungen. «Ich bin ein Nerd in diesem Bereich», sagt er.
Deshalb arbeitete er auch mit Astronaut Buzz Aldrin zusammen. Hintergrund war ein britischer Anbieter, der zahlreiche Autogramme von Aldrin sowie von weiteren Raumfahrern wie Michael Collins gefälscht hatte. Brandes unterstützte die Ermittlungen und trug dazu bei, den Betrüger zu überführen. Vor Gericht bestätigte Aldrin schliesslich, dass es sich um Fälschungen handelte. Als Dank erhielt Brandes eine persönlich signierte Widmung des Astronauten.

Mittlerweile erkennt Brandes Fälschungen oft schon nach wenigen Minuten, wenn nicht Sekunden. «Nach 30 Jahren Berufserfahrung hat man unzählige Stücke in der Hand gehabt. Zudem verfügen wir über mehr als eine Million Vergleichsunterschriften, die wir je nach Zeit und Epoche heranziehen», erklärt er. Es gebe minimale Unterschiede, die sich im Lauf der Zeit in der Handschrift veränderten.
Wieder holt Brandes einen dicken Ordner aus einem Regal und zeigt auf eine Unterschrift von Schauspieler und Komiker Charlie Chaplin. «Diese hier wurde beispielsweise mit einem Stempel gefertigt», erklärt er. An einer Stelle ist die Farbe deutlich kräftiger als an anderen.
Zudem zeigt der Vergleich mit weiteren Signaturen, dass sie auf den Millimeter genau übereinstimmen, wenn man ein Lineal anlegt. Ebenfalls ein Anzeichen dafür, dass ein Stempel verwendet wurde. Auf diese Methode griffen viele Promis zurück, weil sich damit Zeit sparen liess. Dabei handelt es sich nicht per se um eine Fälschung, jedoch ebenso wenig um eine echte Unterschrift.
«Kaum etwas ist so charakteristisch wie die Handschrift und Unterschrift», sagt Brandes. Wer mehrere authentische Beispiele aus derselben Phase vergleicht, erkennt wiederkehrende Merkmale. So werde ein Buchstabe nicht plötzlich völlig anders geformt, und auch Details wie Punkte oder Striche folgten meist festen Gewohnheiten. «Es sind unheimlich viele Merkmale einer Handschrift, die immer gleich bleiben», so Brandes.
Anhand dieser Kombination lasse sich die Echtheit prüfen und mitunter sogar der Entstehungszeitraum eingrenzen. Bei Autogrammen der Beatles etwa könne er anhand typischer Entwicklungsmerkmale der einzelnen Signaturen den Zeitraum auf wenige Monate bestimmen. Fehlen charakteristische Elemente, die in vergleichbaren Mustern stets vorhanden sind, weckt das Zweifel an der Authentizität.
In den letzten 30 Jahren hat sich die Branche jedoch auch grundlegend verändert. Das klassische Autogramm wird weniger interessant, stattdessen zählt das Selfie. «Die Begeisterung für Persönlichkeit ist anders geworden. Viele inszenieren sich selbst in sozialen Medien und sehen sich selbst als Promi», so Brandes. Statt eine Unterschrift zu besitzen, folgt man seinem Idol vielleicht online.
Auch das Sammeln selbst habe sich verändert. Früher durchstöberte man Flohmärkte und Börsen und entdeckte mit etwas Glück seltene Stücke, deren Wert oft nur Eingeweihte erkannten. Heute lässt sich nahezu alles in Sekunden recherchieren. Das klassische «Schnäppchen» ist deutlich schwerer zu finden.
Durch die Künstliche Intelligenz (KI) ist zudem eine neue Herausforderung dazu gekommen: Nämlich die Frage der Provenienz, also der Echtheits- und Herkunftsnachweise. Mit dem Aufkommen von KI entstehen nicht nur gefälschte Unterschriften, sondern auch täuschend echte Bildnachweise.
«Ich besass eine angeblich signierte Platte von Michael Jackson, hatte jedoch Zweifel an der Echtheit der Unterschrift», erzählt Brandes. «Später erhielt ich ein Foto, das Jackson zeigen sollte, wie er genau diese Platte in den Händen hält und signiert.» Doch das Bild entpuppte sich als KI-generiert. Fotobelege würden damit zunehmend an Aussagekraft verlieren und seien immer schwieriger zu verifizieren.
Doch Brandes lässt sich davon natürlich nicht entmutigen. Er stellt sich den neuen Herausforderungen, kann auf eine treue Stammkundschaft zählen und verfolgt bereits weitere Pläne: Derzeit ist die Eröffnung eines Auktionshauses in Deutschland in Vorbereitung.
«Unterschriften sind nicht nur Fanartikel, sondern eine Verbindung in eine andere Zeit», sagt er. «Sie ermöglichen es, in die Vergangenheit einzutauchen und sie auf ganz eigene Weise zu erleben.»
Written by
Reference: Bluewin.ch
https://www.bluewin.ch/de/entertainment/es-ist-ein-unglaublich-emotionales-geschaeft-3200185.html

